Veröffentlicht von Miriam Höppner am Do., 7. Mai. 2020 15:14 Uhr

Am 8. Mai 1945 endete der 2. Weltkrieg und damit 12 Jahre Nationalsozialismus in Deutschland. Millionen Menschen hatten ihr Leben verloren. Soldaten im Kampf, Zivilistinnen und Zivilisten im Bombenhagel aber vor allem auch Jüdinnen und Juden, politische Oppositionelle, Menschen, die anders leben wollten, Menschen aus anderen Ländern und geistig oder körperlich Behinderte. Das Nazi-Regime hatte sie in Lager sperren lassen, sie durch Arbeit oder Gas getötet. Die Nationalisten hatten den 2. Krieg von deutschem Boden innerhalb weniger Jahre angezettelt, um ihre Nachbarstaaten zu unterwerfen und Unglück über den ganzen Kontinent zu bringen.

In dieser finsteren Zeit hatten aber viele Menschen, die nicht so dachten wie die Nationalsozialisten, Zuflucht in Kirchen gefunden, die sich ebenfalls gegen das Regime stellten. Es kann und darf nicht verschwiegen werden, dass es auch Christinnen und Christen gab, die im Gleichschritt mit dem Regime marschierten. Aber es gab auch die „Bekennende Kirche“, in der neben vielen anderen Dietrich Bonhoeffer sich mutig gegen die Naziherrschaft stellte. Wir können nur ahnen, welche Angst die Christinnen und Christen damals hatten, selbst verhaftet und in ein Konzentrationslager gesperrt zu werden. Umso notwendiger war es für sie, gemeinsam Abendmahl zu feiern und zu singen, um sich gegenseitig zu stärken.

Auch wir stärken unsere Gemeinschaft in gemeinsamem Gesang. In anderen Jahren haben wir alle an diesem Sonntag zusammen das Fest Kantate gefeiert und mit unseren Chören gesungen. Gesang gehört zu unseren Gottesdiensten. Der Gleichklang hebt unser Gefühl füreinander, bringt oft das zum Ausdruck, was wir mit Worten allein nicht ausdrücken können. In den bekannten Kirchenliedern fließen für viele Gläubige Kindheitserinnerungen, Hochzeiten, Taufen und manchmal auch traurige Ereignisse wie Beerdigungen zusammen.

Im Ersten Weltkrieg gab es ein besonderes Ereignis. An Weihnachten 1914, der ersten Heiligen Nacht im Krieg, lagen sich britische und deutsche Soldaten an der Westfront in Schützengräben gegenüber. Sie waren nur eine Rufweite voneinander entfernt. Eine Feuerpause war vereinbart in der kalten Nacht. Kein Laut war zu hören, bis plötzlich einige Soldaten das Weihnachtslied „Stille Nacht“ anstimmten. Britische Soldaten erkannten die Melodie und stimmten in ihrer Sprache ein. Gemeinsam hatten sie die Melodie, die sie plötzlich miteinander verband und sie vergessen ließ, dass sie eigentlich Feinde waren. Als es hell wurde, krochen einige Soldaten auf beiden Seiten vorsichtig aus den Schützengräben und gingen aufeinander zu. Niemand schoss. Der 25. Dezember 1914 ging als friedlicher Tag in die Geschichte ein, weil tausende Soldaten nicht kämpften, sondern Gottesdienst feierten oder miteinander Fußball spielten. Die Vorgesetzten waren entsetzt. Sie bestraften die Soldaten und schon am 26. Dezember wurden die Truppen ausgetauscht. Die friedliche Weihnacht konnte nicht verhindern, dass danach ein grausamer Krieg folgte, aber die, die gemeinsam gesungen und Gottesdienst gehalten hatten, haben diesen Weihnachtfrieden nie vergessen.

Es war ein Lied, dass die Soldaten zusammengebracht hat; es ist Gesang, der vielen Menschen Mut macht. Gesang gehört zu unserem Gottesdienst und zu unserem Glauben. Nach dieser ungewöhnlich langen Zeit, in der wir gerade keinen Gottesdienst feiern konnten, freuen wir uns, dass wir nun wieder gemeinsam beten können. Noch dürfen wir nicht zusammen singen. Das wird uns fehlen. Aber wir können zuhause singen – zusammen mit unseren Familien und unseren Freundinnen und Freunden. Wir können auf dem Balkon mit unserer Nachbarschaft singen, uns über das Internet miteinander verbinden und singen. Aber manchmal hilft es auch, wenn die Angst vor der Zukunft oder die Ungewissheit drückt, ganz für sich allein zu singen. Sie werden sich wundern, wie frei Sie danach durchatmen können, wie wohl sie sich fühlen. Versuchen Sie es einmal:

Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht: Christus meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.

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