Veröffentlicht am Sa., 25. Apr. 2020 22:48 Uhr

Wie gut, dass wir diesen Spruch gerade jetzt, gerade in diesen verrückten, außergewöhnlichen, schwierigen Zeiten, als Jahreslosung haben.

Glaube und Unglaube - oder sagen wir es weniger absolut: Gottvertrauen und Zweifel. Wir wissen es, wir erleben es: Die beiden gehören zusammen wie die zwei Seiten einer Medaille.

Wie gut, dass es Menschen gibt, die schon vor mir diesen Satz gesagt haben.

So jener Vater, der Jesus um die Heilung seines Sohnes bittet. Jesus sagt ihm: "Alle Dinge sind möglich, dem, der da glaubt!" Er aber schreit: "Ich glaube; hilf meinem Unglauben!"

So wie jener Beter des 42. Psalms. Die Tränen sind seine Speise Tag und Nacht. Und er betet: "Warum hast DU mich vergessen, warum muss ich so traurig gehn, wenn mein Feind mich drängt?" Aber er wendet sich an Gott, sagt "Du" zu ihm. Er erinnert sich an bessere Tage: "als er einherzog in großer Schar, zu wallen zum Hause Gottes." Und macht sich dadurch selbst Mut: "Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir. Harre auf GOTT, denn ich werde IHM noch danken, dass ER meine Hilfe und mein GOTT ist!"

So, jene junge Frau, die am Grab ihres Verlobten stand. Drei Tage vor ihrer Ankunft zur Hochzeit hatte man ihn in Afrikas Erde beerdigt. Julie Hausmann mit ihrem Lied "So nimm denn meine Hände" ist so vielen Tausenden zum Trost geworden. "Wenn ich auch gleich nichts fühle von DEINER Macht, DU führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht."

Ja, wenn Nacht, Dunkelheit, Leid, Krankheit, Tod , oder eben wie jetzt Ausnahmezustand und Kontaktsperre das Leben bestimmen, fühlen wir oft nichts von Gottes Macht, ja wir merken nicht einmal was von seiner Gegenwart.

Jetzt, da wir die Gegenwart Gottes nicht gemeinsam feiern können, können wir uns nicht einmal gegenseitig ermutigen, stärken und trösten. Glaube will gelebt sein. Nicht gelebter Glaube verkümmert, wird schwach. Der Zweifel hat dann ein leichtes Spiel.

Ja, der Glaube kann am Zweifel, am Grübeln und Fragen zerbrechen. Wir fragen "Warum?" Wir grübeln über das "Wozu". Wir fragen nach dem Sinn des Ganzen. Aber ein Sinn erschließt sich - wenn überhaupt - immer erst viel, viel später. Vielleicht bleibt es ja ganz und gar sinnlos. Es gibt eben jene dem Leben abträgliche Seite der Schöpfung - die Endlichkeit, die Vergänglichkeit, die Verletzlichkeit, die Bedürftigkeit. Das Warum und Wozu kann heute noch niemand sagen. Vielleich kann man es nie sagen. Allzu forsche Strafe-Gottes-Theorien werden Gott und dem Menschen nicht gerecht. Sie zeichnen ein Gottesbild, an das ich nicht glauben möchte.

Versuchen wir doch - gerade in Krisenzeiten - Glaube und Unglaube irgendwie zusammenzuhalten, irgendwie auszubalancieren.

Lernen wir von denen, die schon vor uns gebetet haben: "Ich glaube, hilf meinem Unglauben!"

Wenn wir in der finstersten Finsternis, oder gar angesichts des Todes doch noch zu Gott  "Du" sagen können, erleben wir Glaube und Unglaube, Gottvertrauen und Zweifel in einem.

Wenn wir im Fallen, trotz des Fallens, das uns verzweifeln lässt, uns damit trösten, dass wir eben nicht tiefer fallen können, als in Gottes Hand, dann erleben wir Gottvertrauen und Zweifel in einem.

Wenn wir noch "Mein Gott, mein Gott!" schreien können, gerade dann, wenn wir uns so ohnmächtig erleben und auch nichts spüren von SEINER Macht, dann sind Zweifel und Gottvertrauen ausbalanciert.

"Mein GOTT mein GOTT, warum hast DU mich verlassen" - "wenn ich auch gleich nichts fühle von DEINER Macht" - so Jesus am Kreuz. Ja, sogar ER!

Aber wir wissen, wir haben es gerade wieder - anders zwar - aber doch gehört und erlebt: Auf dieses Kreuz folgt Ostern. Ostern kehrt die Reihenfolge um. Nicht mehr "Leben und Tod", sondern von nun an heißt es "Tod und Leben". Und darum kann es nun auch heißen. Unglauben und Glauben. Aus dem Zweifel wird Gottvertrauen, trotz Dunkelheit. Ja, trotz alledem!

Das wünsche ich Ihnen allen, gerade jetzt, wo der ungelebte Glauben in Gefahr steht zu verkümmern.

Ihr Reinhard Kees

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